16. Juli 2020, 20:51 Uhr

Fußball

Wie der ehemalige Bundesliga-Profi Dexter Langen ein neues Leben als Kita-Erzieher gefunden hat

Der gebürtige Friedberger Dexter Langen hat gegen Dortmund und die Bayern in der Fußball-Bundesliga gekickt. Heute arbeitet der 39-Jährige als Erzieher in einer Kita. Warum hat er dem Profifußball den Rücken gekehrt?
16. Juli 2020, 20:51 Uhr
Um 7.30 Uhr beginnt Dexter Langens Arbeitstag in der Kita. Über sein neues Leben sagt er: »Ich hätte mir nichts Besseres vorstellen können.« FOTO: IMAGO

Halb elf, ein Montagmorgen im Juli 2020. Es ist laut im »Lütt Kinnerhus« am westlichen Rand Rostocks. 16 Kinder lachen und schreien, singen und toben. Mittendrin steht Dexter Langen, lächelnd. Der Erzieher ist im Trubel die Ruhe selbst.

Halb vier, ein Samstagnachmittag im April 2008. Es ist laut im Stadion auf Schalke. 60 000 Menschen jubeln und brüllen, grölen und klatschen, als die Spieler kurz vor Anpfiff auf den Rasen laufen. Mittendrin auf dem Spielfeld steht Dexter Langen, aufgewachsen und groß geworden in Langgöns. Er trägt das Trikot von Hansa Rostock, die Rückennummer 2.

Mit der Hansa und mit Dynamo Dresden ist der schnelle rechte Außenverteidiger in die Bundesliga mehrfach auf- und wieder abgestiegen, er hat gegen die Bayern und Borussia Dortmund gespielt. 2012 aber entschloss er sich zu einem radikalen Schnitt. Er kehrte dem Profisport den Rücken und wurde Erzieher. »Ich wollte nichts mehr mit dem Fußball zu tun haben«, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

Um 7.30 Uhr beginnt Langens Arbeitstag in der Kita. Seit Mai ist er wieder im Dienst, nach einem Monat Corona-Pause. Eine Mutter betritt mit ihrem Sohn den Kindergarten, sie trägt eine Maske. Draußen trennen Absperrbänder die Kita-Gruppen voneinander. »Im Normalbetrieb sind wir noch lange nicht«, sagt der 39-Jährige. »Erst nach den Sommerferien.«

Langen plaudert mit den Kindern, singt mit ihnen Lieder, schiebt Spielzeugautos an, beim Essen rückt er Lätzchen zurecht, danach spielt er mit mehreren Mädchen und Jungen Fußball. »Ich bin der Aktive«, beschreibt Langen seine Rolle unter den Erziehern.

In jeder Situation wird gleichzeitig deutlich, was Langen auszeichnet: Geduld, Ruhe und gute Nerven. Die Kita liegt in einer Plattenbausiedlung in einem sozialen Brennpunkt Rostocks. Ihm sei wichtig, auf Kinder zu achten, die Sorgen plagen, die nicht im Mittelpunkt stehen, sagt Langen. Zentrale Aufgabe sei für ihn, schlicht zu helfen - mit einem netten Gespräch und mit Aufmerksamkeit. Männliche Erzieher sind selten. »Ich merke, dass ich auch deshalb für einige Kinder ein wichtiger Ansprechpartner bin«, sagt er.

Im »Lütt Kinnerhus« ist Langen Springer, er hat keine feste Gruppe, meistens betreut er 17, 18 Kinder. Angefangen hat alles vor sieben Jahren mit einem vierwöchigen Praktikum. »Ich habe sofort gemerkt: Das ist es«, erzählt er. Danach legte er eine drei Jahre lange Ausbildung ab. »Ich hätte mir nichts Besseres vorstellen können.«

Wer sich mit dem Langgönser unterhält, merkt schnell, dass ihm jegliches Gehabe und jeder Glamour, den so manchen Profifußballer umgibt, fremd sind. Langen macht nicht viel Aufhebens um sich, er ist kein Mann vieler Worte. Lang-Göns, wo er mit einem Jahr Unterbrechung vom 5. bis zum 22. Lebensjahr gelebt hat bezeichnet er als Heimat. »Hier habe ich meine schönste Kindheit verbracht.« Seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder leben noch hier.

In seiner Zeit bei Hansa Rostock ist er allerdings an der Ostsee hängen geblieben, er hat eine Familie gegründet und lebt im Dorf Bentwisch. »Ich mag die Nähe zum Meer«, sagt er. »Und die entspannte Mentalität der Menschen.«

In Langens Kita erzählt ihm ein Junge einmal, er sei schonmal im Stadion von Hansa Rostock gewesen, als Zuschauer. So recht gepackt habe es ihn aber nicht, gibt das Kind zu. »Ich habe eine Halbzeit durchgehalten.« Langen schmunzelt in diesem Moment. »Kinder tragen die Wahrheit auf der Zunge«, sagt er. »Und sie sind neugierig. Das finde ich schön.« Ein Kind in der Kita habe ihn kürzlich gefragt: »Warum bist du braun?« Langen antwortete, sein Vater sei dunkelhäutig. »Es gibt eben auch dunkelhäutige Menschen.« Die Frage war damit geklärt.

Im Fußball habe er hin und wieder rassistische Sprüche von Zuschauern hören müssen. »Wir haben mit Gestiken reagiert und gefragt, was das soll.« Spieler hätten ihn nie offen beschimpft.

In einer ruhigen Minute blickt der 39-Jährige zurück auf sein Leben im Profisport. Viele kommen nach der Karriere vom Fußball nicht weg, erzählt er, sie werden nach der aktiven Karriere Trainer, Manager oder Spielerberater. Langen hingegen hat ein völlig neues Leben angefangen. »Ich wollte den Druck nicht mehr«, sagt er. »Als Profifußballer muss man sich dementsprechend präsentieren und aufpassen, was man macht und was man sagt.«

Ihm gehe es darum, Freude zu spüren, wenn er zur Arbeit fahre. Das erlebe er jetzt, als Erzieher. Auf die Frage, warum er dem Profisport den Rücken gekehrt hat, antwortet Langen mit einer Gegenfrage. »Worum geht es denn im Fußball hauptsächlich?« Um Geld, sagt er. »Man ist eine Nummer. Es ist ein Geschäft.« Irgendwann, auch wegen mehrerer Verletzungen habe er keinen Spaß mehr verspürt. »Was ich liebe, habe ich angefangen zu hassen.«

Finanziell ist der Schritt aus dem Profifußball in den Erzieherberuf ein Abstieg. Langen lacht auf, als er gefragt wird, ob er den Job in der Kita braucht, ob er denn nicht ausgesorgt habe. »Das würdest du jetzt gerne wissen«, sagt er. Klar, er habe etwas beiseite gelegt, fügt er dann hinzu. »Ich habe nie übertrieben gelebt. Uns geht’s nicht schlecht.«

Gelassen, in klaren und niemals ausschweifenden Worten erzählt Langen aus seinem Leben. Zweimal indes wird seine Stimme um einen dezenten Ton heller. Euphorie ist herauszuhören, als er von einem Spiel mit Hansa Rostock gegen den Karlsruher SC erzählt. In der 70. Minute lag seine Mannschaft mit 1:4 zurück, doch sie holte mit großem Kampfgeist noch ein Unentschieden.

Dann erzählt er von seiner Familie. Er habe drei Kinder richtig?, wird er gefragt. »Noch«, korrigiert er, und wieder ist seine Stimme etwas heller. Im September, verrät Langen, wird er wieder Vater. Das Rampenlicht, 60 000 jubelnde Menschen im Stadion, das sind längst Erinnerungen an ein anderes, vergangenes Leben. »Ich habe das Gefühl, ich bin angekommen«, sagt er. Ich bin sehr zufrieden.«

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