18. Mai 2021, 06:00 Uhr

FC Gießen

Identität des FC Gießen geht verloren

Nach dem Abgang des Lollarers Johannes Hofmann stellt sich beim heimischen Fußball- Regionalligisten die Frage: Wer verkörpert den FC Gießen auf dem Rasen noch? Eine kommentierende Analyse.
18. Mai 2021, 06:00 Uhr
Bild aus vergangenen Zeiten: Von den gezeigten »Gießener Jungs« (v. l.) Andrej Markovic, Timo Cecen, Barbaros Koyuncu, Erdinc Solak, Johannes Hofmann und Noah Michel könnte lediglich Markovic kommende Saison noch für den FC spielen. FOTO: HF (Foto: NORDMANN_S)

Der am Samstag bekannt gewordene Abgang des 26-jährigen Gießeners Johannes Hofmann beim FC Gießen setzt die Personalpolitik konsequent fort - der heimische Fußball-Regionalligist legt keinen gesteigerten Wert auf Identifikation und heimischen Bezug. Die Frage drängt sich im Mai 2021 auf: Wer verkörpert auf dem Rasen noch den FC Gießen?

Der Wechsel des aktuell dienstältesten Hofmann aus Lollar, der sich zu den Gründen nicht äußern wollte, führt die Abwanderung nahezu aller Gießener Größen der letzten Jahre fort: Christopher Schadeberg, Nico Rinderknecht, Noah Michel, Erdinc Solak, Brian Mukasa, Samuel Sesay, Barbaros Koyuncu oder der Bad Nauheimer Jake Hirst.

Mit den lokal Verwurzelten hatte der Fußball-Regionalligist in den letzten Jahren quasi eine ganze Elf von potenziell leistungsstarken heimischen Akteuren im Kader. Im Waldstadion spielt keiner mehr von ihnen.

Der ursprüngliche Teutonen-Stamm um Kian Golafra, Julian Simon, Denis Weinecker und Louis Goncalves ist dabei bereits in Vergessenheit geraten - auch diese vier erfahrenen Spieler im Alter zwischen 27 und 32 Jahren haben dem Verein längst den Rücken gekehrt.

Golafra, Weinecker, Goncalves, Rinderknecht oder Hofmann - Namen, die in der Stadt Gießen verwurzelt sind. Sie stehen für eine ganze Generation ehrgeiziger, heimatverbundener Fußballer.

Der FC Gießen hat es trotz dieser Breite an charakterstarken Akteuren verpasst, einen Stamm über Jahre hinweg an den Verein zu binden und so Strukturen zu schaffen, die weit über kurzfristigen Erfolg, über Klassenerhalt oder Abstieg hinweg strahlen.

Eine Kooperation mit dem mittelhessischen Aushängeschild im Jugendfußball, der TSG Wieseck, wird vom FC Gießen ebenso seit Jahren mehr oder weniger abgelehnt - stattdessen wandern die Talente nach Stadtallendorf, Waldgirmes oder Fernwald. Im Kader des Hessenligisten aus Steinbach befinden sich für die neue Saison 18 Spieler mit Gießener Vergangenheit - darunter über ein Dutzend, das in der Jugend bei der TSG Wieseck aktiv war.

Einen solchen sportlichen Kaderplan sah man in den letzten Jahren beim FC Gießen nicht: Heimatbezug? Fokus auf junge Spieler mit wenigen Routiniers? Kooperation mit anderen Vereinen? Im Waldstadion hatte lediglich die hohe Fluktuation Programm.

Die konzeptlos wirkende deutschlandweite oder gar internationale Kaderzusammenstellung brachte dem FC - ungeachtet wirtschaftlicher Zwänge - bislang auch keinen durchschlagenden sportlichen Erfolg: Im Vorjahr wurde nur dank Corona die Klasse gehalten, in diesem Jahr bügelte ein Regionalliga-Beschluss die brenzlige Situation aus.

Der aktuelle Sportliche Leiter Christian Memmarbachi kann nun beweisen, ob er gewill ist, an der Konzeption etwas zu ändern.

Mit dem derzeitigen Kapitän und Marburger Hendrik Starostzik steht eine heimische Innenverteidiger-Kante offiziell für die neue Saison 2021/22 unter Vertrag. Inwieweit die beiden Gießener Louis Münn und der neu verpflichtete Donny Bogicevic eine prägende Rolle auf dem Regionalliga-Rasen werden spielen können, muss sich zeigen.

Darüberhinaus stehen mit Marco Boras, Michael Fink, Nikola Trkulja, Ali Ibrahimaj und Nejmeddin Daghfous fünf Spieler fest unter Vertrag.

Eine Verlängerung mit Sascha Heil (Grünberg), Niclas Mohr und Andrej Markovic (beide Gießen) ist offen. Die zuletzt als Neuzugänge gehandelten Kristian Gaudermann (Laubach), Jascha Döringer (Marburg) oder Tom Woiwod (Gießen) könnten dem FC Gießen mit einem Wechsel etwas verloren gegangene Identität zurückbringen. In wenigen Monaten das Versäumnis mehrerer Spielzeiten aufzuholen, ist allerdings kaum möglich.

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