Lokalsport

Die Saisonbilanz des FC Gießen: Zwischen Aufholjagd und Zukunftsplanung

Die Mammut-Saison mit Quarantäne, Unterbrechung und Termin Stau ist beendet - und das auf Platz elf. Wir reflektieren die Auholjagd, Personalfluktuation und Zukunftsplanung des FC Gießen.
15. Juni 2021, 06:00 Uhr
Sven Nordmann
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Die Defensive um Torhüter Frederic Löhe war die Basis für den FC Gießen in der Saison 2020/21. (Foto: Friedrich)

Mit einem »richtig guten Gefühl« ist Gießens Trainer Daniyel Cimen mit seiner Familie am gestrigen Montag in den Kurzurlaub in einen Center Parcs im Allgäu gefahren - »die Erleichterung ist groß, dass wir diese lange Saison so über die Bühne gebracht haben und am Ende ein sehr guter elfter Platz herausgesprungen ist«.

Gemeinsam mit dem 36-Jährigen analysieren wir markante Punkte dieser außergewöhnlichen Saison 2020/21 in der Fußball-Regionalliga Südwest.

1. Die Corona-Spielzeit: Quarantäne, Saison- Unterbrechung, 42 Spieltage

Zweimal musste der heimische Viertligist in dieser Spielzeit in Corona-Quarantäne, zweimal wurde die Spielzeit im Spätsommer und Spätherbst 2020 unterbrochen.

»Das Mentale war am anstregendsten«, meint Cimen. »Wir hatten Corona-Fälle in der Mannschaft, zum Glück mit einem milden Verlauf - da gab’s auch in der Regionalliga andere Fälle. Das Schlimmste daran, rausgerissen zu werden, war, dass du wusstest: Diese Spiele müssen in einem engen Zeitraum nachgeholt werden. So kamen wir teilweise auf neun Spiele in 27 Tagen«, erinnert sich der Trainer. »Das war heftig und so wurde es auch zu einer körperlichen Belastung.«

Spieler wie Marcel Mansfeld oder Jure Colak fanden auch aufgrund des On-Offs-Modus gar nicht zu körperlicher Stabilität, andere wie Milad Salem oder Hendrik Starostzik mussten oft kurzfristig aussetzen.

2. Die Aufholjagd: Von Platz 21 im Winter auf Platz elf am Saisonende

Am 15. Spieltag fand sich der FC auf dem vorletzten Tabellenrang wieder und beendet die Saison nun auf Platz elf. »In der Hinrunde haben uns durch den Umbruch und viele Ausfälle die Automatismen gefehlt - junge Spieler mussten Verantwortung übernehmen. Wir hatten wenig Stabilität und keinen Rhythmus«, befindet Cimen.

Das habe sich mit dem Sieg gegen Steinbach Haiger am 9. Januar 2021 direkt geändert: »Der Glaube war da.«

Mit den sechs Winter-Neuzugängen konnten »Qualität und Breite verstärkt werden«, herauszuheben bleibt Michael Fink: »Er würde auch in der A-Liga mit der gleichen Einstellung spielen - das ist der pure Wille, von dem sich jüngere Spieler etwas abschauen können«, meint sein Trauzeuge. »Talent haben viele - bei Rückschlägen dagegenzuhalten, da trennt sich die Spreu vom Weizen«, sagt Cimen.

3. Die Defensivstärke: Der FC stellte die siebtbeste Verteidigung der Liga

Neun Teams besitzen am Saisonende eine positive Tordifferenz: Der FC Gießen zählt dazu. Das kollektive Arbeiten gegen den Ball und die Achse um Torhüter Frederic Löhe, die Innenverteidiger Marco Boras und Hendrik Starostzik sowie Defensivakteur Michael Fink sind hauptverantwortlich dafür. Der Trainer hebt den 19-jährigen Boras hervor: »Als so junger Spieler direkt in die Rolle des Leistungsträgers zu schlüpfen, ist Wahnsinn.« Achtmal spielte Gießen zu Null, kassierte damit weniger Gegentore als beispielsweise der FC Homburg.

4. Die Personalfluktuation: 28 Spieler standen für den FC Gießen auf dem Platz

Mit Dren Hodja, Jann Bangert und Milad Salem wanderten drei Spieler, zwei davon unfreiwillig aus disziplinarischen Gründen, während der Saison ab. Im Winter kamen zudem sechs Neuzugänge, verteilt auf einen Monat: Während Michael Finks Verpflichtung Ende 2020 feststand, wurde der Transfer von Ali Ibrahimaj beispielsweise am 27. Januar 2021 verkündet.

Das Personalkarussell drehte sich schon im Sommer kräftig: Damals verließen den FC Gießen 16 Akteure, 21 neue Spieler kamen.

Stimmen, die betonen, dass der FC angesichts seiner vorhandenen individuellen Klasse und der Erfahrung im tabellarischen Mittelfeld anzusiedeln sei und Platz elf erwartbar sei, entgegnet Cimen: »Natürlich kann man das erreichen. Wenn man die Namen in unserem Kader liest, kann man das auch verlangen - aber du musst schauen, unter welchen schwierigen Umständen wir das erreicht haben.«

5. Die Zukunftsplanung: 14 Spieler stehen bislang fest unter Vertrag

Auch zur neuen Saison folgt ein personeller Umbruch, wenngleich er etwas abgefedert wird. Immerhin: Neun Regionalliga-Kicker, die in dieser Saison im Waldstadion aufliefen, sind für 2021/22 fest eingeplant: Frederic Löhe, Hendri Starostzik, Niclas Mohr, Michael Fink, Louis Münn, Nikola Trkulja, Ali Ibrahimaj, Nejmeddin Daghfous sowie Aykut Öztürk. Dazu gesellen sich die Neuzugänge Vladan Grbovic, Matay Birol, Donny Bogicevic, Dennis Owusu und Guiseppe Burgio.

Noch offen gestalten sich die Vertragsverhandlungen mit Andrej Markovic, Ryunosuke Takehara und Jonas Arcalean. Für Gino Parson wird eine passende Funktion im Verein gesucht.

Gestaltet wird die sportliche Zukunft von Cimen und Michael Fink - beide sind für die nächsten beiden Jahre an den Verein gebunden.

Cimen: »Planungssicherheit war bisher nicht das Markenzeichen des FC Gießen - ich bin froh, dass wir beide zwei Jahre bleiben und nun planen können.« Unterstützt werden sie vom Sportlichen Leiter Christian Memmarbachi.

Angesichts von drei gebundenen Torhütern und »erst« elf fixierten Feldspielern sind noch neun bis zehn Personalien zu erwarten - das bestätigt Cimen: »Wir streben 20 bis 21 Feldspieler an. Wir haben nun gute drei Wochen Zeit, möglichst viel abzudecken.«

Am 5. Juli 2021 beginnt der FC Gießen mit der Vorbereitung auf die im August beginnende neue Spielzeit mit 19 Kontrahenten und folglich 36 Spieltagen.

Dann setzt der FC Gießen auch wieder auf den Faktor Zuschauer: Vom einstigen Besucherschnitt von knapp 2000 Anhängern pro Partie war der FC gezwungenermaßen in dieser Saison weit entfernt.

Mehr als offizielle 515 Zuschauer kamen zu keiner Partie ins Waldstadion, insgesamt durfte der Verein nur bei sechs von potenziellen 21 Regionalliga-Heimspielen Besucher empfangen.

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