16. Januar 2020, 07:00 Uhr

Tischtennis

Wie der Sport Harry Wißler im Umgang mit Parkinson hilft

Harry Wißler holt bei einer Tischtennis-Weltmeisterschaft in New York Bronze. Es ist eine besondere WM. Der Niddataler lebt seit 2012 mit Parkinson. Er erzählt, wie der Sport ihm hilft.
16. Januar 2020, 07:00 Uhr
Die Bewegungen beim Tischtennis helfen Harry Wißler im Umgang mit Parkinson und verbessern sein Wohlbefinden. FOTO: NICI MERZ

Die Diagnose kam aus dem Nichts - wie so oft bei Parkinson. »Ich habe gemerkt, dass etwas nicht stimmt«, erzählt Harry Wißler. Das war im Januar 2012. Zunächst hatte man den Verdacht, der Wetterauer habe durch seine Arbeit am Computer einen sogenannten Mausarm bekommen. Doch wirklich erklären, woher die Verspannungen kamen, konnte niemand.

Erst der Hausarzt, der mit Wißler zusammen Tischtennis beim TTC Ilbenstadt spielt, hatte einen anderen Verdacht. »Am Gangbild hat er erkannt, dass ich Parkinson habe. Die Tests haben das bestätigt«, sagt der 52-Jährige, der mit dieser bedrohlichen Diagnose oft auch sarkastisch umgeht. Das wird er an diesem Abend auf dem heimischen Sofa in Niddatal immer wieder beweisen.

Von jetzt auf gleich änderte sich das Leben für ihn, seine Frau Marion und Tochter Jessica, die zum Zeitpunkt des Ausbruchs zehn Jahre alt war. »Ich bin erstmal in ein tiefes Loch gefallen. Ich habe versucht, die Krankheit zu verdrängen, aber das gelingt nicht. Dank meiner Familie bin ich wieder auf die Beine gekommen«, sagt Wißler und klopft seiner Frau, die ebenfalls auf dem Ecksofa sitzt, liebevoll auf den Oberschenkel. Während ihr Mann offen und humorvoll über seine Krankheit redet, hält sie sich zurück. Zwischen den Zeilen wird immer wieder deutlich, welchen kraftvollen Spagat sie in all den Jahren geleistet hat. Als Unterstützerin, als Antreiberin, aber auch als Ehefrau, die um die unheilbare Krankheit ihres Mannes weiß. Familie Wißler ist eine Einheit - mit Tischtennis als gemeinsamer Leidenschaft.

Vor dem Ausbruch der Krankheit ging Harry Wißler zum Judo, war Windsurfen, Rudern, Ski- und Radfahren. »Adrenalin-Junkie würde ich jetzt nicht sagen«, setzt Wißler an, doch seine Frau wirft ein: »Ich schon.« Als Jugendlicher spielte Wißler bereits Tischtennis, hörte aber seinen Knien zuliebe auf, ehe er kurz vor der Parkinson-Diagnose wieder anfing, »als Alltagsausgleich«. Doch damit war dann wieder Schluss. »Eigentlich genau falsch«, sagt Wißler rückblickend. Drei Jahre vergingen, bis er begriff, dass er den Schläger in der Hand brauchte. Den Auslöser gab die Tochter, die beim TuS Nordenstadt in der Hessenliga spielt. »Durch sie bin ich wieder in die Szene reingerutscht«, erzählt Wißler. Einerseits kam er so wieder unter Leute, andererseits merkte er, wie der Sport half: »Die Reflex-Bewegungen werden über das Rückenmark gesteuert. Beim Tischtennis kann man wunderbar trainieren, dass die bewussten Bewegungen, die durch Parkinson gestört werden, ins Reflexzentrum rutschen. Das verbessert die Motorik. Studien haben belegt, dass es den Verlauf der Krankheit hinauszögert«, erklärt Wißler.

Außerdem sagt seine Frau: »Wenn er am Tag drei Stunden Tischtennis spielt, braucht er am nächsten Tag weniger Medikamente, ist mobiler und entspannter.« Auch deswegen hat sich Wißler auf die Fahnen geschrieben, das Projekt »Ping Pong Parkinson« bekannt zu machen (siehe Info-Kasten).

Der Parkinson äußert sich bei Wißler vor allem, wenn er spricht. »Zittern kommt bei mir nicht vor«, sagt er und streckt zum Beweis seine Arme aus. Auch die Standwaage ist für ihn kein Problem, wie er demonstriert. »Was hin und wieder vorkommt, wenn ich aus dem Medikamentenfenster laufe, ist Muskelversteifung. Da kann es schon mal sein, dass mich meine Familie unter dem Tisch findet, weil ich vom Stuhl gefallen bin und nicht mehr aufstehen kann«, sagt Wißler und lacht.

Sein offener Umgang mit der Krankheit führte ihn auch zur Parkinson-WM im Oktober 2019. Im Internet stieß Wißler auf die Ausschreibung. Er setzte sich mit Thorsten Boomhuis aus Nordhorn in Verbindung, quasi der Pionier des Tischtennis für Menschen, die an Parkinson erkrankt sind. »Wir haben uns getroffen, danach war für mich klar, dass ich zu dieser WM muss«, sagt Wißler. Durch die Zeitverschiebung musste er eine Woche vor Turnierbeginn anreisen, um die Medikamenteneinnahme anzupassen. Die Kosten für die Reise zahlte die Familie aus eigener Tasche. Weder vom Deutschen Tischtennis-Bund noch vom Behindertensportverband gab es Unterstützung.

Die Enttäuschung darüber ist beim Ehepaar Wißler - beide in der 3. Kreisklasse für den TTC Ilbenstadt III aktiv - nach wie vor groß. Einzig ein Nationaltrikot stellte der DTTB. »Eins für drei Turniertage. Gut, dass es in US-Hotels frei zugängliche Waschmaschinen gibt«, sagt Marion Wißler. Immerhin stehe der Präsident des Internationalen Tischtennisverbands, Thomas Weikert, der als Ausrichter die erste Auflage der Parkinson-WM vor Ort begleitete, voll hinter dem Projekt. »Als er mich im Hotel mit dem Nationaltrikot sah, hat er mich direkt begrüßt - obwohl wir uns nicht kannten«, erzählt der 52-Jährige.

Noch beeindruckter war Wißler, dessen Lieblingsschlag der Vorhand-Topspin cross ist, von den Szenen beim Turnier selbst: »Zu sehen, dass Menschen die Krankheit durch ihren Willen soweit in die Schranken weisen können, dass man sich beim Tischtennis vernünftig bewegen kann, war Wahnsinn«, sagt Wißler. Besonders der Japaner Naomichi Saito berührte ihn stark. »Er wurde vor jedem Spiel mit dem Rollstuhl an den Tisch gefahren, stellte sich hin und hat alle Energie in einen Schlag gesetzt. Das war faszinierend.« Gegen diesen Japaner verlor Wißler in der Vorrunde. Vor dem Viertelfinale in seiner Schadensklasse sei er extrem aufgeregt gewesen, schließlich winkte mit dem Halbfinaleinzug die Bronzemedaille. Mit 16:14 und 11:7 setzte sich Wißler gegen den Inder Pravin Patil durch und hatte somit die Medaille sicher. »Ich habe nicht damit gerechnet. Das war ein sehr erhebender Moment.« Im Halbfinale unterlag er dem Portugiesen Damasio Caeiro 7:11, 8:11.

Der Alltag hat Familie Wißler längst wieder eingeholt. Der studierte Elektrotechniker und Informatiker arbeitet wieder als Abteilungsleiter einer Softwareentwicklungsfirma. »Allerdings nur noch drei Tage die Woche, den Spaß gönne ich mir. Als Entwickler kann ich das auch noch länger tun. Wenn ich Dachdecker oder Bombenentschärfer wäre, wäre es ein bisschen blöd«, sagt Wißler. Diesmal kann seine Frau nicht anders, als die Augen zu verdrehen. Dann lachen beide.

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