02. Juli 2020, 07:00 Uhr

Topklubs

Freude, aber keine Jubelsprünge

Mit 200 Millionen will der Bund den Profiligen abseits des Fußballs helfen. Erleichterung über die Nothilfe herrscht auch bei den Gießen 46ers und der HSG Wetzlar. Aber viele Fragen sind noch offen.
02. Juli 2020, 07:00 Uhr
Für entgangene und noch entgehende Zuschauereinnahmen können Profiklubs wie die Gießen 46ers Unterstützung vom Bund beantragen. ARCHIVFOTO: FRIEDRICH

Der Bund unterstützt die Topligen im Basketball, Handball, Eishockey und Volleyball in der Corona-Krise mit bis zu 200 Millionen Euro. Die Nothilfe, deren Verabschiedung heute im Bundestag als sicher gilt, sieht vor, dass die ausgebliebenen und noch ausbleibenden Zuschauereinnahmen mit 80 Prozent der Nettoerlöse erstattet werden - und zwar für die Monate April bis Dezember 2020. Maximal kann ein Verein eine Zuwendung von 800 000 Euro erhalten. Damit soll den Klubs auch etwas mehr Planungssicherheit für die neue Saison gegeben werden, die im Herbst beginnen soll - ob ohne oder mit wenigstens einem Teil der üblichen Besucher ist derzeit unklar. Als sicher gilt, dass die Vereine in der Spielzeit 2020/21 nicht mit den Zuschauereinnahmen wie in der Vergangenheit rechnen können.

Neben den 1. und 2. Ligen in den großen Teamsportarten Basketball, Handball, Eishockey und Volleyball können auch andere Sportarten, die bundesweit agieren und auf Zuschauereinnahmen angewiesen sind, sowie Verbände die Nothilfe beantragen, erläutert der CDU-Politiker Frank Steffel, der Initiator des Hilfspakets ist. Er sagt: »Ich habe die große Hoffnung, dass in den meisten Ligen alle Vereine unter schwierigen Bedingungen die kommenden Saison überstehen und wir nicht mit Insolvenzen in der laufenden Spielzeit konfrontiert werden.«

Die Fußballer sind von diesem Härtefall-Paket ausgeschlossen - mit Ausnahme der Drittligisten. Fußball-Regionalligist FC Gießen kann demnach keine Unterstützung beantragen. »Der Bund ist nur für den nationalen Profisport zuständig. Somit können keine Regionalligen berücksichtigt werden«, erklärte Steffel auf Nachfrage dieser Zeitung. Hoffnung macht der Politiker den Klubs, dass das Geld zügig ankommen wird: »Die Ausführungsbestimmungen und die notwendigen Formulare werden schnell erstellt. Geplant ist eine Auszahlung noch vor Saisonbeginn im September«, sagt Steffel, der seit 2005 ehrenamtlicher Präsident des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin ist.

So bewerten die Verantwortlichen des Basketball-Bundesligisten Gießen 46ers, des Handball-Erstligisten HSG Wetzlar und des Eishockey-Zweitligisten EC Bad Nauheim die Pläne der Bundesregierung:

Gießen 46ers: Natürlich freut sich Geschäftsführer Michael Koch über die angekündigte Nothilfe: »Für uns ist jede Zuwendung, egal wo sie herkommt, enorm positiv«, sagt er: »Klar ist aber auch, dass wir irgendwann wieder vor Zuschauern spielen müssen.« Für die 46ers sind durch das frühe Saisonende die Einnahmen von vier Heimspielen - eines in März, drei im April - weggebrochen. Für die drei Partien im April könnte der Klub die Nothilfe beantragen. Über den Daumen gepeilt sind an Ticketeinnahmen rund 60 000 Euro pro Partie verloren gegangen, sagt Koch. Also könnte sein Klub für diese drei ausgefallenen Begegnungen theoretisch rund 144.000 Euro Hilfe - 80 Prozent von 180 000 Euro - beantragen. Wobei offen ist, wie beispielsweise mit Dauer- oder VIP-Tickets in dieser Kalkulation verfahren wird. Auf die Lizenzierung für die Saison 2020/21 hat die Zuwendung des Staates keinen großen Einfluss mehr, denn die Unterlagen mussten am 30. Juni bei der BBL vorliegen. »Natürlich ist es eine tolle Sache, wenn der Bund den Klubs, die so sehr auf die Zuschauereinnahmen angewiesen sind wie wir, hilft. Mit dem Geld rechnen und in den aktuellen Etat einplanen können wir es aber nicht. Die Frage ist ja auch: Wann ist das Geld auf unserem Konto? Es ist zum jetzigen Zeitpunkt für mich eher eine Reserve.« Koch erhofft sich weitere Details bei der nächsten BBL-Tagung am nächsten Dienstag, wenn die Weichen für die kommende Saison gestellt werden sollen - dann soll auch über den Ligastart, reduzierte Standards und Hygienekonzepte für Spiele vor Fans beraten werden.

HSG Wetzlar: »Das ist ein überragendes Signal der Politik, das zeigt, wie wichtig Deutschland der Sport ist«, sagt Björn Seipp, der HSG-Geschäftsführer. Er macht aber auch klar: »Wir brauchen diese Unterstützung, wenn wir ohne oder mit nur wenigen Zuschauern spielen müssen.« Denn genau diese Botschaft sieht Seipp auch in dem Hilfspaket, das bis Dezember ausgelegt ist: »Das bedeutet ja offenbar auch, dass die Politik davon ausgeht, dass auf absehbare Zeit keine Veranstaltungen mit oder wenn nur mit wenigen Fans möglich sein werden.« Für ihn sind wie für viele seiner Kollegen noch viele Fragen offen - etwa über einen möglichen Verteilungsschlüssel an die einzelnen Ligen und wie genau die Berechnung der Nothilfe erfolgt. »Die Politik macht einen super Job. Man kann jetzt nicht erwarten, das sofort alle Unklarheiten beantwortet werden«, sagt Seipp. Die Herangehensweise, dass die Zuschauerzahlen der Maßstab für die Höhe der Zuwendung ist, findet Seipp richtig. Klar ist für ihn aber auch: »Selbst wenn die Soforthilfe kommt, sind nicht alle Probleme beseitigt. Wir müssen beispielsweise auch mit unseren Spielern über Vertragsanpassungen sprechen.«

EC Bad Nauheim: »Grundsätzlich ist es ein positives Signal der Politik«, sagt EC-Geschäftsführer Andreas Ortwein, der ergänzt: »Ich schreie jetzt noch nicht Hurra, so lange ich nicht weiß, was kommt monetär in Bad Nauheim an. Es wird einen Verteilungsschlüssel geben, es wird ein Beantragungsverfahren geben, und dann sehen wir, was dabei herauskommt. Ohne das Zahlenwerk zu kennen, werde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen.« Ortwein sieht das Nothilfe-Paket auch als Ergebnis der Lobbyarbeit, die Ligen, Verbände und Interessensgemeinschaften wie Teamsport Deutschland oder Teamsport Hessen geleistet haben. Etwaigen Kritikern der Staatshilfe für Profisportvereine hält er entgegen: »Im Handball, Basketball oder Eishockey gibt es keine Einkommensmillionäre wie im Fußball. Klar gibt es gutverdienende Topspieler, aber auch bei uns allen hängt noch eine Menge mehr dran. Jeder Klub speist ein Nachwuchsleistungszentrum, es geht um Arbeitsplätze bei Caterern und Zulieferern, und, und, und.« Für Ortwein ist das Paket, das heute verabschiedet werden soll, nur ein erster Schritt der Politik für die Profivereine. »Für uns sind Geisterspiele nicht denkbar. Wir werden nächste Woche über Teamsport Deutschland der Politik Konzepte für die schrittweise Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Zuschauern vorlegen. Entscheidend für uns und alle anderen wird sein: Wann können wir mit wie vielen Zuschauern wieder spielen.«

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