25. Januar 2020, 16:00 Uhr

Fußball

Drei heimische Schiedsrichter im Gespräch: »Ton wird rauer«

In jeder Sportart sind sie unverzichtbar - Referees. Sie leiten die Partien, sorgen dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Wir haben mit drei Schiedsrichtern aus Mittelhessen gesprochen.
25. Januar 2020, 16:00 Uhr

Johannes Helmut Baumann, seine Schwester Marie Elisabeth (beide Fernwald) und der 15-jährige Paul Zint (Wetzlar) zeigen sich davon recht unbeeindruckt. Sie lieben das Spiel, auch wenn alle drei schon mal Partien geleitet haben, die nicht reibungslos verliefen. Alle drei lieben den Fußball - und so war die Entscheidung für das Schiedsrichterwesen für das Trio keine sonderlich große Überlegung wert. Sie haben es aus Freude am Spiel getan.

Paul Zint, der die 9. Klasse der Freiherr-vom-Stein-Schule in Wetzlar besucht, ist einer der jüngsten Referees in Fußball-Mittelhessen. »Ich habe mich schon früh dafür interessiert. Und natürlich habe ich mich als Spieler auch über Referees aufgeregt. Aber als ich dann der Schiedsrichter war, habe ich gemerkt, dass es doch nicht so einfach ist«, sagt der Spieler des FC Burgsolms, der früher unter anderem auch für den VfB 1900 Gießen im Jugendbereich gespielt hatte.

Im vergangenen Jahr hat der B-Junioren-Spieler seine ersten Partien im Jugendbereich gepfiffen, musste aber da bereits erfahren, dass sich ein Schiedsrichter durchaus als Angriffsziel für Außenstehende anbietet. »Es gab am Anfang ab und zu mal doofe Kommentare - vor allem von Eltern. Mit denen hat man durchaus mal Stress. Am Anfang habe ich nichts gesagt, aber mittlerweile mache ich solchen Eltern eine Ansage, das funktioniert«, sagt Zint selbstbewusst. Er räumt ebenso freimütig ein, dass auch er nicht frei von Fehlern ist: »Ich hatte ein Spiel, in dem ich einige Fehlentscheidungen getroffen habe, aber nach einigen Minuten ging es dann wieder besser«, erzählt er lächelnd.

Seine Kollegen aus dem Fußballkreis Gießen lauschen gebannt den Ausführungen des Teenagers, Marie Elisabeth Baumann erinnert sich so an ihre Anfänge im Schiedsrichter-Bereich. »Nach einem Kreuzbandriss war die aktive Laufbahn beendet, so habe ich mich dem Schiedsrichterwesen zugewandt. Das war sehr aufregend. Vor dem ersten Spiel habe ich mir mehr Gedanken gemacht als notwendig. Aber ich habe mir das zugetraut«, sagt die 24-Jährige, die Partien bis zur Kreisoberliga Süd leitet. Auch sie sieht sich ab und an blöden Kommentaren von Zuschauern ausgesetzt. »Das sind vor allem Zuschauer jenseits der 60 Jahre. Wenn du Glück hast, bekommst du nachher eine Entschuldigung«, sagt Marie Elisabeth Baumann.

Natürlich gibt es in Spielen auch mal unterschiedliche Meinungen über Entscheidungen der Referees. Die eine Seite teilt diese, die andere Seite nicht. »Das sind aber kurze Momente, nach dem Spiel ist das schon wieder vergessen. Aber ich bin noch nie angegriffen worden«, erläutert Marie Elisabeth Baumann.

Der Ton ist rauer geworden

Johannes Helmut Baumann, der in der Schiedsrichtervereinigung Gießen stellvertretender Kreisschiedsrichterobmann und zudem Ansetzer für die Gruppenliga (D- bis A-Junioren) ist, ist als Referee bis in die Verbandsliga tätig. Er ist nicht nur selbst als Unparteiischer unterwegs, er kennt als Ansetzer auch die Probleme seiner Kollegen. »Der Umgang verbal ist rauer geworden. Vor allem hat das aus meiner Sicht in den letzten Jahren zugenommen«, sieht er eine Zunahme von Aggression auf dem Platz. Dennoch liebt er seinen »Job«, wie die anderen beiden auch. »Das hat viel mit Kommunikation zu tun, und man darf sich von Hektik nicht anstecken lassen«, erläutert Johannes Baumann. Aber auch er hat schon eine Partie geleitet, die alles andere als rund lief. »Das war in der Kreisoberliga, da haben die Spieler untereinander viele Nettigkeiten verteilt. In der Konsequenz habe ich dann gesagt, dass ich die beiden Mannschaften 24 Monate nicht mehr sehen will.« Natürlich gab es auch im Fußballkreis Gießen ähnliche Anliegen von Referees, dementsprechend werden diese Wünsche berücksichtigt. Denn geholfen ist keinem damit, wenn man alle Beteiligten zum Beispiel drei Monate später wieder auf den Fußballplatz zusammenbringt.

Negativbeispiel Südamerika

In den vergangenen Monaten sind die Fußball-Schiedsrichter bundesweit in die Schlagzeilen geraten - als Opfer. Es gab beispielsweise in Berlin und im Ruhrgebiet Angriffe auf Referees. Wie geht man damit um? »Das ist weit weg. Man ist davon nicht betroffen«, sagt Marie Elisabeth Baumann. »Ich kann dazu auch nichts sagen«, ergänzt Paul Zint. Aber wie Johannes Helmut Baumann wissen auch die beiden, dass die Schiedsrichter in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus gerückt sind. »Bei Sky wird über jede Schiedsrichterentscheidung und jedes Foulspiel diskutiert«, sagt dieser. Dementsprechend ist im Profi-Bereich der Unparteiische mehr oder weniger gläsern. Bei zig Wiederholungen von strittigen Aktionen im TV ist es natürlich ein Leichtes, eine mögliche Fehlentscheidung auszuschlachten.

Dennoch sieht Johannes Helmut Baumann das Schiedsrichterwesen in Deutschland besser aufgestellt als beispielsweise in Südamerika: »Wie oft gibt es Bilder aus Brasilien oder Argentinien mit Ausschreitungen.« Erinnert sei an dieser Stelle an Argentinien-Derbys zwischen River Plate und den Boca Juniors, was regelmäßig zu Krawallen und auch Ausnahmezuständen in Buenos Aires führt. In diesen Partien haben die Schiedsrichter mehr als nur einen schweren Stand, das sportliche Geschehen hat in der Vergangenheit oft nur eine Nebenrolle gespielt. Und wenn der Verlierer den Referee dafür verantwortlich macht, dann muss dieser möglicherweise um sein Leben fürchten.

Drakonische Strafen in der NFL

Was aber den Schiedsrichtern im Amateur-Bereich nicht sonderlich hilft. In Sachen Respekt oder auch Strafen sollte man den Blick auf andere Sportarten richten. »Nehmen wir die NFL (National Football League, Anm. d. Red.). Spieler erhalten hier bei Vergehen zum Teil drakonische Strafen, die aber gespendet werden. Und es ist eine Strafe, die richtig wehtut. Auch die Schiedsrichter haben ein ganz anderes Standing als im Fußball.« Ebenfalls sieht Baumann auch den Handball als Vorbild: »Wenn ein Spieler zwei Minuten bekommt, dann geht dieser sofort vom Parkett.«

Im Fußball dagegen stürmt - gefühlt - die halbe Mannschaft in Richtung Schiedsrichter, damit dieser spätestens dann weiß, dass er falsch entschieden hat - aus Sicht der betroffenen Mannschaft. Eine Kultur, die in den letzten Jahren zugenommen hat. Da ist guter Rat teuer. Ein Ansatz wäre unter anderem, Zeitstrafen, wie im Jugendbereich vorhanden, einzuführen. »Meine Unterstützung würde es dafür geben. Vielleicht hilft es ja, dass der betreffende Spieler dann nach beispielsweise fünf oder zehn Minuten Pause wieder zur Ruhe gekommen ist«, sagt Johannes Helmut Baumann. Sein Kollege Paul Zint, der im Jugendbereich Zeitstrafen aussprechen könnte, stellt fest: »Ich habe bislang noch keine Zeitstrafe verhängt.«

Bei allen Schwierigkeiten im Schiedsrichterwesen - vor allem im Nachwuchsbereich - Johannes Helmut Baumann hat zum Abschluss noch Positives zu vermelden. »Unser Schiedsrichter-Neulings-Lehrgang 2020 ist mit 30 Anträgen voll.«

2010 hatte die Schiedsrichtervereinigung 249 Referees, aktuell sind es noch 170. Vielleicht ist dies mit den voraussichtlich 30 »Neuen« die Wende zum Besseren.

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