05. Januar 2018, 14:00 Uhr

»Schilderwald«

Verkehrszeichen als Zielscheibe: Auch das gibt es

1560 Verkehrsschilder haben die Wetterauer Straßenmeister seit 2015 ausgetauscht. Vandalismus, Unfälle und Sonnenlicht sind die Hauptgründe – doch manchmal gibt’s auch »Schussverletzungen«.
05. Januar 2018, 14:00 Uhr
Herren der Schilder: Dirk Hofmann, kommissarischer Leiter der Straßemeisterei Friedberg (l.), mit seinen Kollegen Sascha Appel (Mitte) und Volker Dietz sowie reichlich Metallschrott.

Schüsse fallen an der B 3, irgendjemand ballert in Höhe der Abfahrt Ockstadt mit einer Schrottflinte auf ein Verkehrszeichen. Glücklicherweise kommt niemand zu Schaden – nur das Schild. Mitarbeiter der Straßenmeisterei Friedberg schauen sich die Sache an. Zu tun haben sie ohnehin genug: Unfallfahrer, Sprayer oder die Sonne machen Verkehrszeichen unbrauchbar. Und dann ist da noch das Gender-Prinzip.

Schüsse auf Verkehrszeichen sind das kleinste Problem, mit dem Dirk Hofmann, Leiter der Straßenmeisterei Nidda und derzeit auch kommissarischer Chef in Friedberg, zu kämpfen hat. »In den letzten Jahren kam das gar nicht vor, jetzt wieder ab und zu«, sagt der 41-jährige Ingenieur. Da diese Schilder meist nur kleine Beulen davontragen, bleiben sie hängen. Trotzdem appelliert Hofmann an nächtliche Scharfschützen, auf ihr Treiben zu verzichten, schließlich bestehe Verletzungsgefahr für Fußgänger und Fahrer.

Aus Hungen wird Hunger

Mehr zu tun hat das Straßenmeisterei-Team mit Vandalismus und Unfällen. Verkehrszeichen werden umgefahren oder verbogen, durch Sprayer unkenntlich gemacht oder Buchstaben abgekratzt. »Manche Ortsnamen bieten sich für Streiche an. Beim Ortsnamen Hungen muss nur ein Buchstabe verändert werden, um daraus Hunger zu machen«, erklärt Hofmann.

Neue Verkehrszeichen warten in Reih und Glied auf ihre Verwendung.
Neue Verkehrszeichen warten in Reih und Glied auf ihre Verwendung.

Unter Vandalismus fällt es auch, wenn Leute Schilder mit Cola überschütten. Die klebrige Limo macht die Folie, mit denen Verkehrszeichen überzogen sind, »blind«, Scheinwerferlicht wird nicht mehr reflektiert. »Solche Sachen passieren fast immer nachts. Dann sind die Leute alkoholisiert und werden plötzlich kreativ«, sagt Straßenmeister Volker Dietz lachend. Werden nachts bei Unfällen Verkehrszeichen beschädigt, muss oft der Notdienst der Straßenmeisterei ausrücken. »Ist ein Stoppschild abgeknickt, besteht die Gefahr weiterer Kollisionen«, sagt Hofmann.

Nächtliche Kontrolle

Er und seine Kollegen haben in den letzten drei Jahren viele Verkehrszeichen ausgetauscht. Wenn Schilder unbrauchbar werden, zeichnet dafür meist das Sonnenlicht verantwortlich. »Ist ein Verkehrszeichen Richtung Süden ausgerichtet, ist es nach sieben, acht Jahren fertig«, erläutert der 41-Jährige. Hofmann zeigt ein Vorfahrt-beachten-Schild, dessen roter Rand ausgebleicht ist.

Die Folie kann nachts ihre retroreflektierende Wirkung nicht mehr entfalten. Retroreflektierend bedeutet: Das Scheinwerferlicht wird zur Lichtquelle zurückgeworfen, das Schild ist für Fahrer besser sichtbar. Nachts kontrollieren Straßenmeister oft, ob Verkehrszeichen gut genug zu erkennen sind.

Geschlechtsneutrale Schilder

Aktiv werden Hofmann und seine Kollegen auch, wenn Schilder veraltet sind. Zwar sind die Regeln der Straßenverkehrsordnung in den letzten Jahrzehnten nicht oft verändert worden, das Prinzip der Geschlechtsneutralität hat sich aber durchgesetzt. »Früher war auf dem Zebrastreifenschild ein Mann mit Hut zu sehen, heute ist ein geschlechtsneutraler Mensch abgebildet«, sagt der Ingenieur.

Auf dem Gelände der Straßenmeisterei stapeln sich ausgediente Verkehrszeichen.
Auf dem Gelände der Straßenmeisterei stapeln sich ausgediente Verkehrszeichen.

Der Austausch muss allerdings nicht sofort vollzogen werden, sondern kann Stück für Stück erfolgen. Gleiches gilt fürs Warnschild »Achtung, Kinder«, auf dem früher eine Frau mit Kindern zu sehen war. Rechtlich problematisch kann es werden, wenn an einer Stelle ein nicht mehr gültiges Verkehrszeichen steht und dort ein Unfall passiert oder die Radarfalle zuschlägt. So sind mancherorts alte Schilder mit dem Aufdruck »50 km/h« zu sehen, obwohl der Zusatz »km/h« längst gestrichen wurde.

Reif für den Schrotthändler

Alle zwei Jahre veranstalten Kommunen Verkehrsschauen. Dabei wird nach Aussage Hofmanns auch versucht, den »Schilderwald« auszulichten. »Allzu erfolgreich sind wir nicht – manche Schilder verschwinden, andere kommen hinzu«, sagt er. Etwa in den Ortsdurchfahrten von Nieder-Mockstadt und Altenstadt, wo zwecks Lärmschutz 30-Schilder mit dem Zusatz »nachts für Lkw« aufgehängt wurden. Neue Hinweisschilder werden angebracht, wenn sich die Verkehrsführung durch den Bau von Straßen entscheidend verändert, zum Beispiel in Ober-Wöllstadt.

Auf dem Gelände der Friedberger Straßenmeisterei liegen zahlreiche ausgemusterte Schilder. Sie werden von einem Schrotthändler abgeholt, der für das Altaluminium ein paar Euro zahlt. Im Lager warten etliche neue Verkehrszeichen auf ihre Montage. Am häufigsten benötigt werden »Vorfahrt gewähren«, »rechts vorbei« oder Warnbaken. »Die leben am gefährlichsten, werden oft beschädigt«, berichtet Straßenmeister Volker Dietz.

 

Infokasten

675 Straßenkilometer im Blick

Die beiden Wetterauer Straßenmeistereien in Nidda und Friedberg mit ihren 45 Beschäftigten gehören zur Behörde Hessen Mobil. Zu den großen Aufgabengebieten der Mitarbeiter zählen Winterdienst, Gehölzschnitt und Kontrolle der Straßen bezüglich Verkehrssicherheit. Nach Angaben von Cornelia Höhl (Hessen Mobil, Schotten) wird jeder Streckenabschnitt einmal pro Woche überprüft, Autobahnen noch öfter. Die zwei Wetterauer Straßenmeistereien sind für 675 Straßenkilometer zuständig. »Seit 2015 haben wir 1560 Schilder ausgetauscht, der Schwerpunkt lag dabei im Ostkreis«, berichtet Straßenmeistereileiter Dirk Hofmann. Müssen größere Verkehrszeichen oder Hinweisschilder ersetzt werden, kommen Fremdfirmen zum Zuge, kleinere Arbeiten erledigen die Straßenmeistereien selbst. Je nach Größe fallen für einen Austausch Kosten zwischen 25 und 2500 Euro an. Die gängigsten Schilder sind im Lager der Straßenmeisterei vorhanden, die übrigen müssen bestellt werden, wobei die Lieferzeit bis zu zwei Wochen betragen kann. (bk)

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