22. Oktober 2018, 09:57 Uhr

Lokführer

Engpässe in der Wetterau: Warum die Bahn kaum noch Lokführer findet

Bahn und HLB fehlt es an Lokführern – auch für den Zugverkehr in der Wetterau. Was ist aus dem einstigen Traumberuf der Kinder geworden?
22. Oktober 2018, 09:57 Uhr
Lokführer werden im Regionalverkehr händeringend gesucht. Während die Bahnunternehmen massiv um Auszubildende und Quereinsteiger werben, stellt sich die Frage, welche Zukunft der Job als Lokführer überhaupt hat. (Symboloto: dpa)

Verspätungen und Ausfälle sind im Wetterauer Bahnverkehr an der Tagesordnung. Zuletzt kündigte die Hessische Landesbahn (HLB) an, einzelne Fahrten ausfallen zu lassen. Züge auf der Strecke zwischen Frankfurt und Gießen sind chronisch verspätet, die hohe Streckenauslastung lasse auch nichts anderes zu. Fahrgäste schwanken zwischen Frust über die eingeschränkte Mobilität und Verständnis für die angespannte Situation bei den Bahnunternehmen. Diese beklagen immer öfter und lauter das fehlende Personal. Was ist aus dem einstigen Traumjob der Kinder geworden?

In ganz Deutschland ist der Arbeitsmarkt für Lokführer leergefegt

Knut Ringat, Geschäftsführer des RMV

Entgegen vieler Behauptungen liege der Lokführermangel nicht daran, dass die Verkehrsunternehmen zu wenig Personal einstellen würden, sagt Knut Ringat, Geschäftsführer des RMV. Seine These bestätigt auch eine Statistik des Portals Statista, laut der die Zahl der Lokführer zwischen 2012 und 2016 bundesweit um 3119 Beschäftigte auf insgesamt 29 295 gestiegen ist. »In ganz Deutschland ist der Arbeitsmarkt für Lokführer leergefegt«, sagt Ringat, unter dessen Dach die HLB agiert. Immer mehr Menschen würden Busse und Bahnen nutzen. Mehr Fahrten bräuchten aber auch mehr Personal. »Die verstärkt auch in den Nachtstunden und am Wochenende erforderlichen Schichten müssen mit zusätzlichem Personal besetzt werden«, heißt es vom RMV. Auch Tarifvereinbarungen, wie kürzere Arbeitszeiten oder zusätzliche Urlaubstage, würden für einen höheren Personalbedarf sorgen. Das sei der wahre Grund für die Defizite.

 

167 Tage Suche pro Kandidat

Bei der HLB sind rund 300 Lokführer im Einsatz, darunter 60 Auszubildende. »Das ist eine gute Zahl, aber auch dringend notwendig«, sagt Peter Runge von der HLB-Geschäftsführung. Eine Übernahme ist bei bestandener Abschlussprüfung garantiert. Trotzdem fallen in den kommenden Wochen einzelne Fahrten aus, weil nicht genügend Lokführer zur Verfügung stehen. »Wir müssten ad hoc mindestens acht Lokführer in der Wetterau einstellen, um alle Fahrten abzudecken.« Klingt wenig, aber: »Da hat man keine Chance«, sagt Runge über den leergefegten Arbeitsmarkt. Laut der Bundesagentur für Arbeit dauere es 167 Tage, bis ein Kandidat für eine freie Stelle gefunden werde. Im Schnitt brauche die Agentur rund 95 Tage.

Ein weiterer Aspekt sei die hohe Fluktuation beim vorhandenem Personal. RMV und HLB nennen neben Krankheiten und Urlaubsansprüchen auch die Folge von Selbstmorden auf der Bahnstrecke als Gründe für die dünne Personaldecke. Schließlich sei oft nicht klar, wie lange Lokführer aufgrund der traumatischen Erfahrungen ausfallen würden. Dazu kommt, das in den kommenden 15 Jahren laut einer Studie des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen fast 40 Prozent der Beschäftigten in Ruhestand tritt. Das wird weitere Lücken in die Personaldecke reißen.

 

Chance für Quereinsteiger

Um diese zu füllen, nimmt die HLB auf der anderen Seite aber gerne ältere Personen als Quereinsteiger auf. Die Gefahr, dass diese aus der Region wegziehen würden, sei deutlich geringer als bei jungem Personal.

Auch die Bahn teilte mit, DB Regio setze »gezielt auch auf Quereinsteiger für eine neunmonatige Qualifizierung zum Triebfahrzeugführer. Bei körperlicher Voraussetzung haben auch Studienabbrecher, Zeitsoldaten oder über 50-Jährige gute Jobchancen«. Derzeit bilde das Betriebsmanagement Gießen elf Quereinsteiger aus, im kommenden Jahr sollen laut Angaben der Bahn zehn weitere ihre Ausbildung beginnen.

Auch bei Berufseinsteigern versucht die Bahn alles, um die Lokführer-Ausbildung ins Scheinwerferlicht zu rücken. Die Voraussetzung sind so niedrig wie nie zuvor. Als Qualifikation steht in einer Stellenausschreibung: »Du hast die Schule (bald) erfolgreich abgeschlossen und Spaß an Technik«. Im September würden acht Azubis beginnen.

 

DB versichert langfristige Jobs

Doch wie sicher werden ihre Jobs nach der garantierten Übernahme sein, abgesehen vom weiter steigenden Bedarf an Fahrten? Bis 2023 sollen die ersten führerlosen Züge auf den Schienen unterwegs sein. Das sagte der damalige Bahnchef Rüdiger Grube vor zwei Jahren. Claus Weselsky, Vorsitzender der GDL, warf dem Bahnvorstand im »Focus« vor, damit die Anwerbung von Lokführern zu sabotieren. Die Bahn teilte dazu mit: »Das Berufsbild des Lokführers hat sich durch technische Entwicklungen stetig verändert. Das wird auch in Zukunft der Fall sein. Der Beruf bietet bei DB Regio aber nach wie vor langfristig sichere Arbeitsplätze.« Die Kinder von heute dürfen also noch träumen. Und vielleicht bewahren sie eines Tages ein System vor dem Zusammenbruch.

Info

Ausbildung zum Lokführer

Die Ausbildung zum Lokführer im Personenverkehr bei DB dauert drei Jahre. Das Gehalt liegt je nach Ausbildungsjahr zwischen 904 Euro und 1108 Euro brutto im Monat, es wird ein 13. Monatsgehalt gezahlt. Während der Ausbildung bietet DB Freifahrten und einen Mietkostenzuschuss. Der Konzern verspricht eine Übernahme bei abgeschlossener Ausbildung. Ausbildungsorte sind beispielsweise Frankfurt und Gießen. Die Ausbildung für Quereinsteiger mit abgeschlossener Berufsausbildung dauert neun Monate. (esa)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Arbeitsstellen
  • Bundesagentur für Arbeit
  • Claus Weselsky
  • DB Regio AG
  • GDL
  • Hessische Landesbahn
  • Lokführer
  • Rüdiger Grube
  • Schienenverkehr
  • Traumberufe
  • Unternehmen im Bereich Verkehr
  • Wetterau
  • Wetteraukreis
  • Erik Scharf
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos