24. November 2020, 21:57 Uhr

Lebenslang für Hammer-Mord

24. November 2020, 21:57 Uhr
Nach der Bluttat im April liegen Blumen und Grablichter im Gedenken an den getöteten 47-Jährigen vor dessen Garten. FOTO: JOL

Die Maximalstrafe gab es am Dienstag für einen 37-Jährigen aus Alsfeld beim Prozess am Landgericht Gießen um ein blutiges Tötungsdelikt im Kleingartengebiet Beerenwiese. Lebenslange Haft für Mord lautete das Urteil des Gremiums unter Vorsitz von Regine Enders-Kunze. Im Urteil wurde zudem besondere Schwere der Schuld festgestellt, die eine vorzeitige Entlassung ausschließt. Zudem soll der Verurteilte die Folgekosten bei der Witwe tragen. Die Verteidigung hat Revision eingelegt.

In ihren Plädoyers hatten Staatsanwalt und Nebenklagevertreter ebenfalls lebenslang mit Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert. Der Verteidiger plädierte auf Totschlag unter verminderter Schuldfähigkeit, was sechseinhalb Jahre Haft bedeuten solle.

Nebenkläger sieht kriminelle Karriere

Die Tat selbst ist unstrittig, B. hat eingeräumt, am 4. April dieses Jahres in einem Kleingartengebiet seinen Parzellennachbarn getötet zu haben. Er habe mit ihm über einen fast zwei Jahre zurückliegenden Streit sprechen wollen, aber der Nachbar, der 47 Jahre alte M., habe das abgelehnt. Darüber habe er sich so sehr geärgert, dass er den Hammer für Pflasterarbeiten genommen und damit auf den Familienvater eingeschlagen habe. Nach der Tat ließ sich B. widerstandslos festnehmen.

Während das Geschehen unstrittig ist, wichen die Bewertungen durch die Juristen deutlich voneinander ab. Staatsanwalt Thomas Hauburger befand aus dem Geschehen heraus auf Mord, wobei die besondere Schwere der Schuld festzustellen sei. Dass aus einem nichtigen Anlass so brutal agiert werde, sei ein besonderes Merkmal der Tat.

Rechtsanwalt Ralf Kuhn als Nebenklagevertreter der Witwe stellte die Persönlichkeit des Angeklagten ins Zentrum seiner Ausführungen. Während die aus Polen stammende Familie M. ein Musterbeispiel an Integration sei, attestierte er B. eine kriminelle Karriere in Deutschland seit der Einreise aus Algerien vor etwa zehn Jahren. Er erinnerte an zwei Vorstrafen wegen Körperverletzung und eine weitere wegen Sachbeschädigung. »Wenn es nicht nach seinem Kopf geht, schlägt er zu«, sagte Kuhn.

B. habe die Leistungen des Gesundheitssystems genutzt, indem er dreimal in psychiatrischen Kliniken behandelt wurde. Das habe seine Gefährlichkeit aber nicht verringert. Kuhn warf dem Gericht vor, nicht die besondere Schwere der Schuld feststellen zu wollen, das sehe er in den Augen der Richter. Es sei aber für die Familie M. ein Albtraum, wenn B. nach 15 Jahren wieder durch die Straßen von Alsfeld laufen sollte.

Verteidiger zweifelt Schuldfähigkeit an

Verteidiger Ralf Becker konzentrierte sich auf die schreckliche Tat vom April, deren Ursache in der Psyche des Angeklagten zu finden sei. Da sei etwas in B. »hochgekocht, das er nicht kontrollieren konnte«. Es gebe zwei Personen in ihm. So haben ihn Mitglieder des Kleingartenvereins als hilfsbereit beschrieben, daneben gebe es auch eine unkontrollierbare Seite an ihm. Der Angeklagte war wegen seiner Persönlichkeitsstörung in psychiatrischer Behandlung gewesen, hatte vor der Tat aber die Psychopharmaka weggelassen. Er habe zur Tatzeit die Kontrolle über sich verloren. Becker forderte eine Gefängnisstrafe von sechseinhalb Jahren für Totschlag im Zustand verminderter Schuldfähigkeit. B. habe bei der Tat auf Zeugen wie abwesend gewirkt und sein Verhalten nicht mehr steuern können. Den Mordvorwurf wies Becker zurück, weil B. sein Opfer zunächst verletzen wollte. Erst die späteren Schläge seien tödlich gewesen. Deshalb falle das Mordmerkmal der Heimtücke weg.

In seinem Schlusswort betonte B., dass es ihm leidtue. Er habe nicht gemerkt, dass er auf M. losgegangen sei. »Das war nicht ich selbst.«

In der Urteilsbegründung wies Vorsitzende Enders-Kunze die Anwürfe von Nebenklagevertreter Kuhn als wenig hilfreich zurück. Es gehe um den Vorwurf des Mordes im April, nicht um frühere Auseinandersetzungen zwischen B. und M. oder eine unterstellte Mitverantwortung des Vorstands. Die Gewalttat an sich reiche, um auf Mord und besondere Schwere der Schuld zu erkennen. So sei der erste Schlag mit dem 1,2 Kilogramm schweren Hammer so wuchtig gewesen, dass Wirbel gebrochen seien, da sei Tötungsabsicht vorhanden gewesen. Daraus ergebe sich das Urteil auf Mord, weil M. beim ersten Schlag seinen Garten bearbeitet habe und wehrlos gewesen sei.

Tat nach Denkpause

»Bei der Tat war B. voll schuldfähig«, erläuterte Enders-Kunze. Das Gutachten von Dr. Ulferts sei da eindeutig. Im Unterschied zu früheren Gewaltausbrüchen sei die Tat im April nicht spontan, sondern erst nach einer Denkpause von etwa 15 Minuten geschehen. Die besondere Schwere der Schuld ergebe sich daraus, dass B. aus nichtigem Anlasse einen Menschen getötet habe. Er sei kurz weggegangen, um wieder zu dem Opfer zurückzukehren und noch einige Male mit dem Hammer auf den Kopf zu schlagen. B. habe sein Opfer »zum Objekt gemacht und bis zur Unkenntlichkeit zugeschlagen«. Er habe nach der Tat das Opfer verächtlich gemacht, indem er die Ehefrau und den Sohn angelächelt habe. Und die Tat habe »schlimme Folgen für die Ehefrau«.

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