31. März 2019, 19:32 Uhr

Verliebt in die deutsche Grammatik

31. März 2019, 19:32 Uhr
Maria Cecilia Barbetta liest in Lollar aus »Nachtleuchten«. (Foto: usw)

Eine außergewöhnliche Begegnung mit der argentinischen Autorin María Cecilia Barbetta bot am Freitag eine Lesung in der Clemens-Brentano-Europaschule. Barbetta las aus ihrem aktuellen Roman »Nachtleuchten« und hatte die Zuhörer im Handumdrehen auf ihrer Seite: mit Humor, Fantasie und herausragender Sprachkunst machte den Abend zum reinsten Vergnügen.

Die Autorin wurde 1972 in Buenos Aires geboren, wuchs im Einwandererviertel Ballester auf, in dem der Roman auch spielt, und besuchte dort die deutsche Schule. Mit einem Künstlerstipendium des DAAD kam sie 1996 nach Berlin. Ihr erster Roman, »Änderungsschneiderei Los Milagros« (2008), wurde unter anderem mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. »Nachtleuchten«, ihr zweiter Roman, wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis geehrt und stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018.

Die Autorin sprüht förmlich vor Energie und strahlt eine große Wärme aus, ein kleiner spanischer Akzent lässt sie noch interessanter klingen. »Nachtleuchten« hat sie auf Deutsch verfasst. »Ich habe mich in die deutsche Grammatik verliebt«, sagt sie lächelnd, »In meinem Herzen ist eine Deutschlehrerin«. Ein Schild »Änderungsschneiderei Damen und Herren« habe sie einst in tiefes Nachdenken darüber versetzt, »ob dort vielleicht Damen geändert werden könnten«, was den Saal in fröhliches Lachen ausbrechen lässt. Barbetta besitzt einen ebenso subtilen wie handfesten Humor und agiert ganz direkt mit dem Publikum: »Ich darf Sie erstmal entführen in die erste Geschichte«, es geht in ein katholisches Mädcheninternat. Nur die Kinder der Reichen haben Ausgang, die der Armen dürfen nicht raus. Hier zeigt die Autorin , am Vorabend der Militärdiktatur, zugleich die weit geöffnete Schere zwischen Arm und Reich in Argentinien. Beim Besuch der reichen Eltern (»Ich nehme Sie mit«) blitzt bereits der Humor des armen Mädchens auf (sie schwänzt gerade), und das konkrete wie emotionale Ambiente der Oberklasse wird köstlich durch den Kakao gezogen: »Die Torte hatte zwei Stockwerke, genau wie das Chateau«.

In der Aufbruchsstimmung vor der Diktatur tritt eine junge und bildschöne Nonne ihren Dienst an, die auf einer roten Vespa herumfährt (»Ihr Schleier flatterte im Wind, lässig«) und die Kirche reformieren will – Religion ist das Thema der ersten Geschichte. »In Argentinien lässt man Autos segnen«, sagt Barbetta trocken, das Publikum kichert. Das wird intensiver, als die Autorin in einem Dialog die Stimmen der Figuren spricht, man kann den Spott förmlich hören.

Man bemerkt an der Figurenzeichnung und den Dialogen sicheres Pointenbewusstsein und nebenbei auch eine ganz deutsche Sprachmelodie, die sich mit einigen schrägen Einfällen reizvoll reibt. Barbetta entfaltet ein großartiges literarisches Spektrum mit blutvollen Figuren und sehr originellen Schauplätzen. Die Zuhörer geben ihr schließlich einen mächtigen Applaus und danken ihr für die außergewöhnliche Freundlichkeit, den Einfallsreichtum und die große Schreibkunst. »Nachleuchten« ist ein besonderer Roman, und die Lesung in Lollar ein besonderer Abend.

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