17. Mai 2021, 21:13 Uhr

So wird der Mensch erst zum Menschen

17. Mai 2021, 21:13 Uhr

- Steinsplitter, Knochenstückchen und ein bisschen verkohltes Holz - viel mehr steht der vor- und frühgeschichtlichen Forschung nicht zur Verfügung. Die wissenschaftliche Disziplin ist sehr, sehr übersichtlich. Nicht einmal 50 Wissenschaftler forschen bundesweit hauptberuflich an diesem riesigen Zeitraum und den viele Hunderttausend, ja sogar mehrere Millionen Jahre alten Funden, die erst einmal nicht sonderlich aufregend klingen. Und doch sind sie es, wie die neue, komplett zweisprachig (Englisch und Deutsch) beschriftete Ausstellung »Menschsein. Die Anfänge unserer Kultur« im Archäologischen Museum Frankfurt eindrucksvoll belegt. Es ist eine Schau mit einem ungewöhnlichen Ansatz, die so zumindest in Europa noch nie zu sehen war, wie die beiden Kuratorinnen sagen, Liane Giemsch, die am Museum arbeitet, und die Professorin Miriam Noël Haidle vom Senckenberg-Forschungsinstitut, Spezialistin für die früheste Menschheitsgeschichte.

Komplexes leicht verständlich

Mit der Evolution, der körperlichen Fortentwicklung zum modernen Menschen, befassten sich schon viele Museen und Ausstellungen, doch hier wird nun erstmals zu zeigen versucht, welch überragende Rolle die Kultur dabei spielt. Dass Menschen heute in so kühlen Regionen wie in Deutschland, ja in der Antarktis und sogar auf Raumstationen leben können, das wäre ohne technische Hilfe, also Werkzeug, Kleidung und die Nutzung des Feuers, biologisch ganz unmöglich. Haidle und Giemsch legten großen Wert darauf, mit anschaulichen Beispielen (viele Exponate dürfen berührt werden) und etlichen spielerischen Wissenschaftsstationen komplexe Zusammenhänge auch für Kinder leicht verständlich zu erklären. Haidle: »Wir wollten das nicht für die Experten machen, die kennen die Diskussionen ohnehin schon.«

Trotz der Corona-Pandemie ist es ihnen gelungen, neben eigens für Frankfurt angefertigten Abgüssen afrikanischer und asiatischer Fundstücke einige sehr seltene Originale in die Ausstellung zu holen, als wohl größte Seltenheit den rund zwei Millionen Jahre alten Unterkiefer einer Frühmenschenart, des Homo rudolfensis, aus Malawi (Afrika). Der nutzte bereits das Feuer, das Licht in die Dunkelheit bringt, wärmt, vor Feinden schützt und Unverdauliches essbar macht. Um das Feuer muss sich ein Gruppenmitglied kümmern, dann haben alle einen Nutzen davon.

Forschungsstand lückenhaft

Mit Werkzeugen lassen sich neue Nahrungsquellen erschließen, und immer komplexere Arbeitsabläufe, die an die Kinder und Enkel weitergegeben werden, ermöglichen der Gemeinschaft ein leichteres Leben. »Die körperliche Entwicklung ist dabei viel langsamer als die technologische«, betont Haidle.

Was man sehen kann, ist auf dem neuesten Forschungsstand - vorerst. Doch der ist trotz vieler neuer Entdeckungen noch immer äußerst lückenhaft. Haidle beschreibt das anschaulich: »Das ist, wie wenn man ein Puzzle mit 5000 Teilen machen will und nur 50 Teile kennt. Da kann es alles auf den Kopf stellen, wenn man ein 51. Teil findet, mit dem sich plötzlich vier oder fünf schon bekannte verbinden lassen.«

Die Forschung ist deshalb ständig in Bewegung. »Schon Thesen, die nur wenige Jahre alt sind, können längst komplett überholt sein«, erklärt Museumsleiter Wolfgang David. Das sei eine derart spannende Geschichte, dass er hoffe, dass sich auch Theologie und Philosophie damit auseinandersetzten. Jetzt muss die Ausstellung »Menschsein« nur noch öffnen dürfen. A. Hartmann

Schlagworte in diesem Artikel

  • Archäologisches Museum Frankfurt
  • Deutsche Sprache
  • Menschheitsgeschichte
  • Frankfurt
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen