08. Januar 2020, 22:42 Uhr

Ein radikaler Denker

08. Januar 2020, 22:42 Uhr
Großes Medienaufgebot: Journalisten beobachten den Innenhof des Polizeipräsidiums Nordhessen. Der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten wollte erneut Angaben zum Tathergang machen und wurde dafür in das Präsidium gefahren.

Kassel (eb). Stephan E. (46), mutmaßlicher Mörder von Regierungspräsident Walter Lübcke, hat bei seiner Vernehmung gestern in Kassel eine neue Tatversion präsentiert. Er beschuldigt seinen Komplizen, den 43-jährigen Neonazi Markus H. aus Kassel. Der habe Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke erschossen, weil sich aus der Waffe versehentlich ein Schuss gelöst habe. Das hat Frank Hannig, der Verteidiger von E., am Nachmittag bei einer Pressekonferenz im Kasseler Hotel Reiss berichtet.

Zuvor war E. mehrere Stunden von einem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes und der Bundesanwaltschaft im Kasseler Polizeipräsidium vernommen worden. Somit rückt Markus H. immer mehr in den Fokus. Die wichtigsten Antworten zum Mordfall Walter Lübcke.

? Wie glaubwürdig sind die neuen Aussagen von Stephan E.?

Das ist schwierig zu beantworten. Immer wieder hatte es Spekulationen über einen zweiten Mann am Tatort gegeben. Nach Erkenntnissen unserer Zeitung hatten die Ermittler bisher jedoch keinen Hinweis darauf. Insbesondere habe man keine DNA-Spuren von Markus H. am Tatort gefunden. Auch dass Lübcke aus Versehen erschossen worden sein könnte, wie es E. nun behauptet, scheint fraglich. Die Bundesanwaltschaft hatte am 17. Juni erklärt, dass E. verdächtigt wird, Lübcke heimtückisch durch einen Kopfschuss getötet zu haben.

? Was spricht für die neue Aussage des Hauptangeklagten Stephan E.?

Personen, die E. kannten, hatten schon früher Zweifel an seiner alleinigen Täterschaft geäußert. Die Wirtin der Kneipe »Stadt Stockholm« am Entenanger in der Kasseler Innenstadt, in der E. mit rechten Kumpels früher häufig zu Gast war, sagte bereits im Sommer 2019, dass niemand E. zutraue, den Mord allein begangen zu haben. Er sei nicht so ein Typ, der so etwas organisieren könne: »Aufs Gymnasium hätte der nicht gehen können. Das war immer nur ein Mitläufer.« Christian Worch wiederum von der Partei »Die Rechte« hatte auf der Demonstration der Neonazis im Juli E. als verrückten Einzeltäter dargestellt.

? Was hatte E. in seinem ersten Geständnis ausgesagt?

Darin hatte der bisherige Hauptverdächtige Ende Juni die Tat gestanden. Von einem weiteren Beteiligten war damals nicht die Rede. Dafür soll E. erklärt haben, dass er in den vergangenen drei Jahren mehrmals mit einer Waffe zum Haus von Lübcke in den Wolfhager Stadtteil Istha gefahren sei. Wegen dessen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik auf einer Versammlung in Lohfelden habe er immer wieder gedacht, dass man Lübcke erschießen müsse.

? Was weiß man bislang über den jetzt beschuldigten Markus H.?

Wie E. war der Kasseler, der im Stadtteil Wesertor wohnte, jahrelang in der nordhessischen Neonazi-Szene aktiv. Durch die Arbeit sollen sich beide ab 2013 näher kennengelernt haben. Zugleich wurde das Duo immer radikaler. Die beiden Nordhessen nahmen gemeinsam an rechtsextremen Demonstrationen teil. Ein Foto zeigt sie am 1. September 2018 in Chemnitz, wo sie gemeinsam mit der AfD durch die Straßen marschierten. Wie E. war Markus H. Mitglied im Niestetaler Schützenclub Sandershausen. Laut Vereinsmitgliedern waren sie dort ganz normale Sportschützen - E. mit dem Bogen, Markus H. mit der Kleinkaliberpistole. Gemeinsam schoss das Duo im Sommer 2018 auf der Anlage der Schützengesellschaft Grebenstein. Dort sollen die Neonazis Gäste der Reservistenkameradschaft Germania gewesen sein. Bereits im November hatte E. in einem Interview mit dem NDR-Magazin »Panorama« die Beziehung der beiden Rechtsextremen dargestellt, als sei er nur das ausführende Organ gewesen. Das deckt sich mit der Aussage einer früheren Lebensgefährtin von Markus H. Demnach sei ihr Ex-Partner der »Denker« gewesen, während sich E. als »Macher« dargestellt habe. Wie radikal Markus H. war, belegt eine andere Aussage seiner einstigen Freundin. Angeblich sollten seine Kinder nicht seinen Namen tragen. Denn falls er schwer krank werden würde, habe er sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft jagen wollen, um möglichst viele »Kanaken« mit in den Tod zu nehmen.

? Wie reagiert der Verteidiger von Markus H. auf die neuen Aussagen von Stephan E.?

Dr. Björn Clemens aus Düsseldorf hat am Mittwochabend eine Presseerklärung herausgegeben. Darin heißt es: »Aufgrund der mir obliegenden anwaltlichen Schweigepflicht und meines Selbstverständnisses als Verteidiger, welches auch einen gewissen Stil umfasst, gebe ich zum Sachverhalt weiterhin keine Auskunft. Das ist in keinerlei Richtung interpretationsfähig. Wenn andere Verteidiger eine andere Strategie verfolgen und weniger Hemmungen haben, Dinge auszuplaudern, kann ich das nicht beeinflussen.« Manche Beobachter sprechen schon von einer Schlammschlacht der Verteidiger.

? Wird sich der Beginn des Prozesses nun verzögern?

Davon ist auszugehen. Ende November hieß es von der Bundesanwaltschaft, die Anklage gegen E. sowie H. und Elmar J., die die Tatwaffe besorgt haben sollen, sollte Ende 2019, spätestens aber in den ersten drei Januarwochen 2020 erhoben werden. Das ist nach den jüngsten Entwicklungen sehr unrealistisch, weil weitere Ermittlungen anstehen. Wann der Prozess am Oberlandesgericht Frankfurt beginnt, ist unklar.

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